Ähnlich klingende Laute unserer Sprache
Zunächst klingt es möglicherweise ein wenig merkwürdig: Viele Laute unsere Sprache sind einander sehr ähnlich. Nun, Sie werden möglicherweise jetzt denken: das stimmt doch gar nicht, ich erkenne doch all diese verschiedenen Laute. Das stimmt.
Dennoch möchte ich Ihnen hier einmal die Ähnlichkeit der Laute bewusst machen:
Es ist für uns ganz selbstverständlich, dass wir beispielsweise ein A von einem E unterscheiden können. Und Sie widersprechen mir vielleicht, wenn ich sage, dass eben diese beiden Vokale einander ähnlich sind.
Machen Sie bitte einfach folgenden Versuch:
Lautieren Sie zunächst ein A. Damit meine ich: sprechen Sie ein A und halten Sie diesen Ton. Verwandeln Sie nun diesen Ton in ein E. Aber bitte, ohne den Ton zu unterbrechen. Also: aaaaaaaaaaaaaeeeeeeeeeeeee.
Haben Sie das getan?
Wenn nicht, dann machen Sie es bitte jetzt einfach.
Was ist Ihnen aufgefallen?
Was mussten Sie tun, um das A in ein E zu wandeln? Ich vermute einmal, dass sich Ihre Mundwinkel ein klein wenig nach außen bewegt haben und Sie Ihre Zunge sich ein kleinwenig angehoben haben. Mehr war nicht notwendig.
Allein durch diese minimale Veränderung wurde der Ton in seiner Frequenz so verändert, dass eben nicht mehr das A sondern das E zu vernehmen ist.
Wenn Sie mögen können Sie das gerne auch mit dem Umwandeln eines E in ein I testen… Ihre Beobachtung wird sehr ähnlich ausfallen.
Warum mute ich Ihnen derartige Dinge zu?
Ich möchte Ihnen deutlich machen, dass selbst Laute, die für uns vermeintlich eindeutig unterscheidbar sind, sich letztlich nur durch ganz geringe Frequenz-Differenzen unterscheiden. Und die muss unser Gehör wahrnehmen, eindeutig an das Gehirn weiterleiten und dort müssen die Laute automatisiert unterschieden werden. Das ist ein recht komplizierter Prozess, den wir aber hier in einfache Schritte zerlegen können.
Erlauben Sie mir hier ein Anmerkung: in meinem kostenlosen Einführungskurs finden Sie zu diesem Bereich noch etliche zusätzliche Informationen. Dort ist der Hörvorgang und die Lauterkennung anschaulich dargestellt. Wenn Sie sich also zu diesem Kurs noch nicht eingetragen haben, dann wäre das jetzt ein guter Zeitpunkt.
Aber auch an dieser Stelle noch eine Anmerkung:
Die Fähigkeit, die ähnlich klingenden Laute voneinander zu unterscheiden, entwickelt sich beim Säugling im Alter bis zu drei Jahren. Danach ist es zwar nicht unmöglich, diese Fähigkeit noch zu erlernen – aber vorher ist es einfach einfacher.
Ein Beispiel was Sie vielleicht auch kennen: Die Chinesen können offenbar kein R aussprechen. Fragen Sie sich doch einen kleinen Moment lang einmal, woran das liegt. Im Sprachangebot des chinesischen Säuglings wird dieser Laut schlicht nicht angeboten. Also richtet das Gehirn dieses Säuglings auch kein Erkennungsmuster für diesen Laut ein. Wenn dieser Mensch nun später in die Situation kommt, dass er einen solchen Laut hört, dann sortiert sein Gehirn diesen Laut dort ein, wo es die größte Ähnlichkeit „erkennt“. Beim Chinesen ist das offenbar das L. Deshalb gibt es in chinesischen Lokalen die „Flühlingslolle mit Leis“.
Um diese Lauterkennungsmuster zu beschreiben, verwende ich immer gerne das Beispiel der Schubladen. Das Gehirn legt für alle Laute die es erkennt sozusagen Schubladen an. Also eine für das A, eine für das E, das B, das T usw. Wenn nun ein Laut empfangen wird, dann sortiert das Gehirn diesen in eine der Schubladen. Und das muss rasend schnell geschehen. Schließlich produzieren wir diese Laute auch in rasend schneller Abfolge.
Falls Sie technisch ausgesprochen begabt sind, dann habe ich hier noch einen netten Versuch, der sicherlich Ihre letzten Zweifel vertreiben wird:
Mit einer guten Soundkarte und entsprechender Software ist es sicherlich möglich, sagen wir einmal zehn Zwischentöne zwischen der Frequenz des Lautes A und dem Laut E zu erzeugen. Wenn Sie das technisch hinbekommen, dann probieren Sie das bitte unbedingt aus. Und wenn es geklappt hat, dann setzen Sie sich bitte unbedingt mit mir in Verbindung. Ich würde Ihre Ergebnisse nämlich gerne hier veröffentlichen…
Was glauben Sie, was Ihr Gehirn mit diesen Zwischentönen macht?
Überlegen Sie bitte einen Moment.
Glauben Sie, dass Ihr Gehirn diese Zwischentöne wahrnehmen kann?
Dass es wahrnimmt, wie dieser Ton sich wandelt?
Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht allzu sehr enttäuscht, wenn ich Ihnen sage, dass dies nicht geschehen wird. Ihr Gehirn tut nämlich etwas anderes: Es entscheidet bei jedem Laut, ob es sich um ein A oder ein E handelt. Egal welche Zwischenfrequenz gerade zu hören ist. Probieren Sie das aus…
Vielleicht hat Sie das ja jetzt überzeugt.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ihr LRS-Profi
Thomas Hofmann
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