Schule und LRS
5 Fakten, über die niemand spricht

Was du schon immer über Schule wissen wolltest - dich aber nicht zu fragen getraut hast.

1997.
Die Lehrerin unserer Tochter spricht uns an.
„Mit ihrem Kind stimmt etwas nicht. Es könnte LRS haben.“
LR… was, bitte?

LRS – das steht für Lese-Rechtschreib-Schwäche.

„Sie sollten da etwas tun“.
Puuuh.
Schock.
Was hat sie gesagt?

LRS?
Was ist denn das?
Hast du das schon einmal gehört?
… ja, genau so ist es uns damals ergangen.
Und wir hatten noch echt Glück.

Wir hatten nämlich eine Lehrerin, die sensibel mit dem Thema umgegangen ist.
Und das ist gar nicht selbstverständlich.
Das wussten wir damals aber noch nicht.
So richtig aufgefallen ist mir das erst Jahre später.

Als ich merkte, dass es in dieser Grundschule immer nur in ihrer Klasse LRS-Kinder gab.
In den anderen Klassen nie.
Ist doch komisch, oder?

Die dortige Schulleiterin sagte später einmal zu mir, dass LRS doch nun abgeschafft sei.
Na, da habe ich aber große Augen gemacht…
Wieso das?
„Weil doch das Kultusministerium einen Erlass verabschiedet hätte, der den Kindern Erleichterungen verschafft.“
Da war ich sprachlos.

Jetzt kann man ja sagen, dass es gut ist, wenn die Kinder in der Schule Erleichterungen bekommen.
Aber ist es das wirklich?

  • Hilft es unseren Kindern, wenn sie keine Noten bekommen?
  • Oder mehr Zeit für Aufgaben?
  • Lernen sie deshalb besser?
  • Oder werden sie nur in ihrer Außenseiterrolle gestärkt?

Denk mal einen Moment darüber nach.

Der Umgang mit LRS oder Legasthenie in Schulen ist sehr unterschiedlich.
Manche gehen verständnisvoll damit um.
Andere ablehnend.
Dort sind Kinder eben einfach dumm.

Was zeigt uns das?
Möchtest Du heute Lehrerin sein?
Möchtest du das wirklich?

Schulklassen voller Kinder, die aus verschiedenen Ländern kommen.
Unterschiedliche Sprachen sprechen.
Unterschiedliche soziale Herkunft.
Eltern die von dir erwarten, dass du nicht nur unterrichtest.
Sondern ihre Kinder erziehst.
Eltern wollen heute ihre Kinder in der Schule abgeben – und sie am Ende perfekt erzogen wiederbekommen.

Hättest du darauf Lust?

Glaube mir eines:
Ich habe mich wirklich mit vielen Lehrkräften unterhalten.
Und am Anfang war ich oft sauer.
Weil ich viele für unfähig gehalten habe.
Manche sind es bestimmt auch.
Aber nicht die große Masse.

Heute habe ich eher Verständnis für sie.
Je mehr Einblick ich in ihre Situation bekommen habe,
um so größer wurde es.

Und ich habe gelernt, dass es einige Dinge gibt,
die wir einfach anerkennen müssen.

Lass uns ans Eingemachte gehen:

Zeichnung Ziffer 1

Schule weiß nicht, wie sie mit LRS oder Legasthenie umgehen soll.

Das ist ganz oft so.
Da ist ein Kind – manchmal sogar mehrere – das nicht so gut lernt, wie die anderen. 

Was mache ich mit dem?
Mit diesen Fragen sind Lehrer weitestgehend allein.

Kinder, die nicht so gut schreiben lernen, gab es schon immer.
Da hat sich früher niemand speziell drum gekümmert.
Die haben sich halt irgendwie durch die Schule gemogelt.
Vielleicht haben Lehrer auch an sich selber gezweifelt, wenn mal eins der Kinder nicht so mitkam.
Glaubst du nicht?
Nun ja, vielleicht haben sie auch eher gedacht, dass das Kind halt nicht ganz so helle ist…

Ziffer 2 Zeichnung

Schule hat kein Rezept für Legasthenie/LRS

In den vergangenen Jahren wurde der Begriff Legasthenie oder LRS immer bekannter.
Und in Schulen sind unzählige Methoden aufgetaucht, mit denen man das in den Griff bekommen kann.
So viele, dass Schulen heute oft gar nichts mehr davon hören wollen.

Ist mir selbst erst vor einigen Wochen so ergangen:
Ich habe der Leiterin einer Grundschule erzählt, dass ich einem Ihrer Kinder helfen werde, weil ich halt weiß, wie das Kind anders lernen können.
„Ach schon wieder so einer…“ war ihr Kommentar.

Den nehme ich ihr auch nicht übel.
Sie hat es mir erklärt:
Immer wieder habe sie „Rezepte“ bekommen, wie denn nun mit LRS oder Legasthenie umzugehen sein – aber letztlich geholfen habe nichts.

Kann ich es ihr da übel nehmen, wenn sie ablehnend reagiert?
Und ganz klar:
Ich hatte den Eindruck es mit einer recht aufgeweckten und durchaus interessierten Lehrkraft zu tun zu haben…

Aber etwas anderes nehme ich ihr Übel:
Als sich die Leistungen des Kindes veränderten… das muss sie ja bemerkt haben.
Da hätte sie reagieren können.
Oder müssen. 😉
Nachfragen, was ich denn gemacht habe…
Hat Sie aber nicht.
Schade.

Möchtest Du noch so ein Beispiel?
Gerne – auch wenn die Situation schon etliche Jahre her ist…

Ich hatte die Lehrerin unserer Tochter zu einem Informationsabend eingeladen.
Und ich habe mich gefreut, als sie dort auch erschienen ist.
Meine Freude wurde sogar noch größer, als sie nach dem Vortrag auf mich zukam.
‚Die will jetzt mehr wissen‘, dachte ich.

„Das finde ich ja ganz prima, was sie da erzählt haben. Sehr einleuchtend.“
Uiih… ich war beeindruckt.
„Dann machen sie das jetzt ja mit ihrer Tochter – dann brauche ich mich ja nicht mehr darum zu kümmern…“
Kalte Dusche.
Ich war einfach sprachlos.

Schule kennt nur eine Form des Unterrichts

Die Art des Unterrichts, wie er in den Schulen praktiziert wird, hat bei uns eine lange Tradition.
Wir wissen es doch nicht aus der eigenen Schulzeit:
Vorne der Lehrer – hier die Schüler.
Wenn du Glück hast, begreifst du es.
Und wenn nicht, dann musst du schauen…
Erinnerst Du dich?

Ich will Lehrer nicht verunglimpfen.
Aber es ist Fakt, dass die Lehrkräfte unserer Kinder perfekt ausgebildet sind.
Was das Fachliche anbelangt.
Ich glaube, dass da das Studium in Deutschland echt Vorbild-Charakter haben kann.

Was allerdings die Vermittlung von didaktischen Methoden angeht… da liegt einiges im Argen.
Scheint irgendwie nicht Pflicht zu sein.

Was mache ich dann als Lehrer, wenn ich vor meiner Klasse stehe?

Ganz einfach:
Ich mache das so, wie ich denke, dass es richtig ist.
Vielleicht mache ich es so, wie meine Lehrer es damals auch gemacht haben, als ich selber noch zur Schule ging.

Ein guter Weg, wenn ich einen guten Lehrer hatte. 😉
Ein schlechter, wenn der Lehrer nicht ganz so gut war…
Wie war es bei dir?
Gab es mehr gute oder mehr von den anderen…?

Etwas ganz anderes ist aber für uns viel entscheidender:
Das Lernen stützt sich bei uns überwiegend auf das, was wir Hören.
Kinder hören, was der Lehrer erklärt – und bemühen sich, es zu behalten.

Das war schon immer so.
Und es wird wohl auch noch eine ganze Weile so bleiben.
Amen.

Gibt es Alternativen dazu?
Sicher gibt es die.

Für’s Rechnen beispielsweise hat Professor Preiß aus Freiburg ein wunderbares System entwickelt.
Er lässt Kinder bereits im Vorschulalter Zahlen spielerisch lernen. Alle Zahlen bis zwanzig.
Und weißt du was?
Das funktioniert.
Da wird nichts mit Logik gemacht.
Oder mit erklären.
Da wird gespielt.
Der Trick dabei?
Er bezieht alle Sinne in dieses Spiel ein.
Er lässt Kinder sehen, anfassen, riechen, laufen, springen. Natürlich auch hören.

Wo in Schule werden diese Sinne einbezogen?
Vielleicht magst du meinen Artikel zu den unterschiedlichen Lerntypen einmal lesen… da wird dir noch einiges klarer.

Und es gibt noch viele andere Beispiele:

  • klassenübergreifender Unterricht
    Weil jedes (!) Kind vom gleichaltrigen viel, viel lieber lernt, als vom Lehrer
  • Gruppenarbeiten
    in denen Wissen gemeinsam erarbeitet wird.
  • spielerisches Lernen
    weil wir alle am besten Lernen, wenn wir nicht wissen, dass wir Lernen.

Und, wie ist die Realität?

Alles wie gehabt.
Moderne Konzepte werden kaum umgesetzt.
Im Wesentlichen hat sich an der Art des Unterrichts nichts verändert.

Mein Fazit:
Wir müssen weg vom Lernen durch Zuhören.
Hin zum Lernen durch Sehen

Ziffer 4 Zeichnung

Lehrer haben nicht gelernt zu unterrichten.

Ist ja im vorangegangen Absatz schon fast mit beantwortet.
Ich muss aber noch was loswerden:

Auf einer der zahlreichen Fortbildungen, die ich besucht habe, lernte ich eine Lehrerin kennen, die gemeinsam mit Ihrer Rektorin dort war.
Beide hatten schon lange begriffen, wie es geht. 

Aussage der Rektorin: 
„An unserer Schule gibt es keine LRS.“
Beeindruckend.

Problem der Schule:
So etwas spricht sich rum.
Dann wollen andere Eltern ihre Kinder auch dort zur Schule schicken.
Das macht Probleme.

Ich will es kurz machen:
Irgendwann hat man das im zuständigen Kultusministerium gecheckt. Und die Rektorin eingeladen.
Das machte mich neugierig…

Das Ergebnis: ernüchternd
„Wir haben unser Konzept dort ausführlich vorgestellt. Das Gespräch dauerte bestimmt vier Stunden. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder haben wir uns nicht verständlich machen können… oder man wollte es dort nicht begreifen…“

Ich mag diese ironische Form – und die Rektorin machte mir nicht den Eindruck, dass man sie nicht hätte verstehen können.
Ganz im Gegenteil.

Ich selbst habe den Versuch im Kultusministerium auch mal gewagt… ….wollte meine Idee des visuellen Lernens erläutern.

„Das ist aber wissenschaftlich nicht anerkannt, oder?“
„Mit solchen Dingen muss man aber vorsichtig sein?“

Ja sogar: „Sie müssen aufpassen, was sie so verbreiten, das ist gefährlich“. 

Hat sich da jemand in seiner Autorität angegriffen gefühlt? 

Ziffer 5 Zeichnung

Wie gehe ich mit Kindern um, die anders sind?

Vor kurzem habe ich eine Freundin befragt, die gerade ihr Lehramts-Studium angeschlossen hat. "Bachelor" heißt das heute…

„Was weißt Du über LRS oder Legasthenie?
Hast du einen Plan, wie du mit betroffenen Kindern umgehen kannst?“

Und, was glaubst du?
Wie hat sie reagiert?

Schulterzucken.
„Keine Ahnung.“

„Hat man euch das an der Uni nicht beigebracht?
Wie ist man mit diesem Thema umgegangen?“

„Das gehört nicht zum Lehrplan. Ich hätte das als zusätzlichen Kurs machen können. Ich habe aber einen anderen Kurs belegt, der zur gleichen Zeit lief.“

Was bedeutet das?

Lehrern werden - nach meiner festen Überzeugung - viel zu wenig Hilfsmittel an die Hand gegeben. 

Und die Probleme sind mannigfaltig.

  • Kinder mit Migrationshintergrund.
    Schöne Umschreibung. Ich kenne eine Lehrerin, die erzählt hat, wie schwierig es war, eine gemeinsame Sprache für den Unterricht zu finden…
  • Verhaltensauffälligkeiten.
    Kratzen, Treten, Beißen… bis hin zu Mobbing.
  • Kinder ohne Frühstück.
  • Kinder die nie ihre Hausaufgaben machen.
  • Kinder, die nicht richtig Lesen und Schreiben lernen.
  • Kinder, die…

Frag die Lehrerin deines Kindes, zu welchem dieser Bereiche sie Hilfsmittel kennt.
Aber beschwer dich nicht, wenn du ein wenig erschrickst… 😉

Ziffer 6 Zeichnung

Gut, dass ich die Kids nach der vierten Klasse los bin…

Das ist eine Besonderheit unseres Schulsystems.

Kinder kommen in die Grundschule.
Dort sollen ihnen die Grundfertigkeiten beigebracht werden.

Nach der vierten Klasse wird dann aufgeteilt. 

Hauptschule, Realschule, Gymnasium… 

Entschieden wird nach den erreichten Noten.

Über Sinn oder Unsinn dieser Struktur möchte ich hier gar nichts sagen.

Ich möchte nur mal bei dem Fakt bleiben, dass die Kinder halt sozusagen zwangsläufig die Schule wechseln.

LRS oder Legasthenie tritt ja meist erst am Ende der zweiten oder zu Beginn der dritten Klasse in den Vordergrund. 

Bis dahin können sich ja viele Kinder irgendwie durchmogeln.

Gut wenn ich als Lehrer nur ein Kind mit einer solchen Auffälligkeit in der Klasse habe.
Manchmal sind es auch zwei.
Oder drei.

Irgendwie muss ich die jetzt bis zum Ende der vierten Klasse bringen – auch wenn es manchmal nervig ist. 

Irgendwie bekomme ich das schon hin.

Wenn das geschafft ist, dann kann ich aufatmen.

Und jetzt stell dir mal andere Schulsysteme vor:

In Skandinavien werden Kinder in der Regel vom gleichen Klassenlehrer von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet. 

Wenn dem Lehrer in der ersten oder zweiten Klasse ein Kind auffällt, bei dem es nicht ganz so gut läuft… wie wird er reagieren?

Sein Bestreben, diesem Kind wirksam zu helfen, ist wesentlich größer. 

Es bleibt ihm nämlich bis zur zehnten Klasse erhalten. 

Weil… 

… Sitzenbleiben gibt es dort auch nicht.

Nein, ich will keine Revolution im Schulsystem.
Aber ich will mal drüber nachdenken können.
Und dürfen. 😉

Welches Fazit kannst du nun ziehen?

Die Fakten, die ich in diesem Artikel beschrieben habe, musst du so hinnehmen, wie sie sind.
Auch wenn es dir nicht so recht passt. 😉
Versuche mit der Lehrerin eine gemeinsame Richtung zu entwickeln.
Konfrontation ist hier der falsche Weg.

Versuche zu erreichen:

  1. Dein Kind macht nur noch eine halbe Stunde lang Hausaufgaben.
  2. Arbeiten, die in der Schule nicht fertig wurden – bleiben unfertig.
  3. Dein Kind muss nicht immer genauso gut sein, wie alle anderen.
  4. Dein Kind soll Spaß am Leben haben.
  5. Spaß an der Schule wäre auch nicht schlecht.
  6. Überlege, ob und wann du ihr vom visuellen Lernen erzählst.

Was meinst du?

Wann suchst du das Gespräch?

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