Legasthenie

Legasthenie.

Ist das eigentlich ein Schimpfwort?

Zumindest wird es häufig verwendet, wenn man sich negativ über einen Menschen auslässt.

Legasthenie Foto

Ein prominenter Fernsehkoch hat in seiner Sendung einmal den Begriff des „Messer-Legasthenikers“ verwendet. Für Menschen, die Gemüse nicht so flott kleinschneiden können, wie er selber.

Das ist doch Diskriminierung in Reinkultur. Oder?

Letztlich hat er damit zum Ausdruck gebracht, wie er andere Menschen wahrnimmt. Und dass er von Legasthenie keine Ahnung hat.

Ein wahrer Kern steckt aber dennoch dahinter:

Legastheniker sind mit Vorurteilen behaftet.
Bei denen stimmt irgend etwas nicht.
Die sind nicht ganz richtig im Kopf.
Bisschen doof halt.
Oder zurückgeblieben.

Bevor wir jetzt aber weiter in Vorteilen rumstolpern, versuchen wir es doch zuerst mal mit einem Lexikon. Einverstanden?

Stopp!
Ich schau mal zuerst ins Internet.
Ist doch schließlich Wissensplatz Nr 1 in der heutigen Welt.

Platz 1 in den Suchergebnissen von Frau Google führt uns zu wissen.de

Dort finden wir folgenden Eintrag:

Legasthenie

[griechisch]Lese-Rechtschreib-Schwäche

eine aus dem Rahmen der übrigen Leistungen fallende Schwäche im Erlernen des Lesens und Schreibens bei sonst normaler Intelligenz; äußert sich im Verwechseln einzelner Buchstaben oder Wortteile. Die Ursachen der Legasthenie sind noch nicht vollständig geklärt. Lange Zeit wurden z. B. Linkshändigkeit (besonders bei Umerziehung zur Rechtshändigkeit) und Sprachschwäche (Wortschatzarmut), auch methodische Fehler beim Erstleseunterricht angenommen. Auf der Basis neuerer linguistischer Modelle des Lesens nimmt man heute an, dass Legasthenie durch ein Defizit bei der Lautverarbeitung im Gehirn entsteht. Logik und Wortschatz, Konzeptbildung und Fähigkeiten zur Problemlösung bleiben davon unberührt. Legasthenie lässt sich durch intensive Übungen, auch logopädische Unterstützung abbauen; Bielefelder Screening.

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Oder?

Da steht, dass der Begriff wohl aus dem griechischen kommt. Und ist Lese-Rechtschreib-Schwäche dann die Übersetzung dazu?
Das wäre dann wohl falsch.

Aber es ist da noch etwas anderes:
Dieser Text besteht beinahe ausschließlich aus Vermutungen. 
Formulierungen wie "...noch nicht vollständig geklärt..." oder "...nimmt man heute an..." klingen ja nur wenig konkret.


Dann schauen wir doch mal weiter:

Im Dorsch - Lexikon der Psychologie finden wir dann, was wir suchen:

Legasthenie

(= L.) [engl. dyslexia; lat. legere lesen, gr. ἀσθένεια (astheneia) Kraftlosigkeit, Schwäche], [KLI, PÄD], der Begriff L. wird meist syn. mit dem Begriff (spezif.) Lese-Rechtschreib-Störung verwendet. Nach der Diskrepanzdefinition (Lese-Rechtschreib-Störung, Diskrepanzdefinition) werden Kinder mit L. von Kindern mit einer (allg.) Lese-Rechtschreib-Schwäche abgegrenzt. Eine L. gilt als zentralnervös begründet und stabil, eine Lese-Rechtschreib-Schwäche als vorübergehend und primär durch schlechte Lernbedingungen verursacht. Die L. zählt nach dem Klassifikationssystem ICD-10 (Klassifikation psychischer Störungen) zu den umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (F81), wobei zw. einer Lese-Rechtschreib-Störung (F81.0) und einer isolierten Rechtschreibstörung (F81.1) unterschieden wird. Hauptmerkmal der L. ist eine erhebliche Beeinträchtigung beim Lesen- und Schreibenlernen. Beim Lesen können die Lesegeschwindigkeit, die Lesegenauigkeit und in Folge auch das Leseverständnis betroffen sein. Beim Rechtschreiben fällt eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Rechtschreibfehlern auf, wobei dasselbe Wort in einem Text unterschiedlich falsch geschrieben werden kann. Bei der Ursachensuche fokussieren versch. Forschungsdisziplinen auf potenziell gestörte Funktionsbereiche, hirnorganische Auffälligkeiten und genetische Besonderheiten. Als empirisch belegt gelten eine genetische Beteiligung und Defizite bei der phonologischen Informationsverarbeitung und der Sprachverarbeitung, in Einzelfällen auch bei der visuellen Informationsverarbeitung. Ein moderierender Einfluss wird Umweltbedingungen (z.B. häusliche Lesesozialisation) und Persönlichkeitsfaktoren (z.B. geringes schulisches Selbstkonzept) zugesprochen.


Diese Beschreibung ist zwar besser.
Aber immer noch diskussionsfähig.

Zumindest wird hier zwischen Legasthenie und Lese-Rechtschreibschwäche unterschieden.

Aber auch hier ist im Wesentlichen die Definition der Lese-Rechtschreibschwäche abgedruckt.

Warum ist das so?

Den Blick in Wikipedia lasse ich hier mal aus...
Dort macht man es sich nämlich noch einfacher:
Durch einen Verweis auf Lese-Rechtschreibschwäche.
Dort existiert also keine eigene Definition zu Legasthenie.


Vielleicht gibt uns ja das ICD-10 mehr Einblick.

Eine kurze Erklärung:
Das ICD ist die „internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. (Im Original auf Englisch: International Statistical Classification of diseases and related Health Problems)

Die 10 steht für die aktuelle Ausgabe.
Herausgegeben wird das ganze von der WHO (World Health Organisation) - sprich: Der Weltgesundheitsorganisation.

Und da kommt jetzt die absolute Überraschung:

Legasthenie ist dort gar nicht explizit als Krankheit erwähnt oder definiert.

Sowohl Legasthenie als auch Lese-Rechtschreibschwäche werden unter dem Oberbegriff „Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fähigkeiten“ zusammengefasst.

Da hatte ich mir mehr erwartet...

Wenn ich die oben zitierten Artikel zu Grunde lege, dann ergibt sich für mich folgendes Bild:

Legasthenie ist angeboren. 

Also genetisch bedingt.
Böse ausgelegt könnte man daraus folgern, dass man dann auch nichts dagegen tun kann.

Eine genetische Anlage ist doch so etwas, wie blonde Haare, grau-blaue Augen oder auch Wangengrübchen. Oder?
Dagegen ist schließlich auch kein Kraut gewachsen.

Dann müssen wir folgern, dass Legasthenie etwas ist, mit dem man leben lernen muss.

Dagegen kann man überall nachlesen, dass Lese-Rechtschreibschwäche erworben ist. Also angelernt. Und damit vorübergehend. Also kein Dauerzustand.

Es gibt in Deutschland tatsächlich Bundesländer, die eine diagnostizierte Legasthenie nicht fördern wollen - weil das offenbar als sinnlos beurteilt wird.
Anders sieht es dort bei von LRS betroffenen Kindern aus. Die können dort sehr wohl in den Genuss von Fördermaßnahmen kommen.

Da stellt sich aber doch jetzt die Frage:

Wer hat denn nun Recht?
Was ist Legasthenie überhaupt?

Wahrscheinlich gab es schon immer Menschen, denen das Lesen und Schreiben leichter fiel, als anderen.

Umgekehrt natürlich auch.
Ebenfalls wahrscheinlich ist, dass dies zutrifft, seit "Schreiben können" zu unserem Kulturgut gehört.

Nur hat es früher wahrscheinlich nicht so sehr interessiert.

Es gab in allen Bereichen unterschiedliche Begabungen.
Der eine konnte gut mit Holz - und wurde zum begeisterten Tischler.
Der andere ging mit Metallen um, wie kein zweiter - also wurde er Schmied.
Und wieder andere konnten mit Sprache mehr anfangen, als die anderen. Die wurden dann Schreiberlinge. Heute wären sie Redakteure oder Journalisten.


Was hat sich also verändert im Lauf der Jahrhunderte?

Lesen und Schreiben können hat einen ganz anderen Stellenwert bekommen.

Einfach deshalb, weil bei uns ohne Lesen und Schreiben bei uns gar nichts mehr geht.

Im Rahmen der Bildung für alle, sollten diese Fähigkeiten allen zugänglich gemacht werden.


Kennst du jemanden, auf den eine der folgenden Beschreibungen zutrifft?

  • „Er ist ein prima Handwerker.
    Nur bei den Prüfungen hat er immer Probleme.“

  • „Solange er an seinen Autos schraubt, ist er echt toll.
    Aber wenn er etwas aufschreiben soll wird’s schwierig.“

  • „Schreiben ist schwierig für ihn. Aber im Verkaufsgespräch mit Kunden macht ihm so schnell keiner was vor.“


Na? Ist dir jemand dazu eingefallen?

Diese Liste können wir sicherlich noch fortsetzen.

Vielleicht steht bei diesen Menschen ein Problem wie Legasthenie oder eine Lese-Rechtschreibschwäche dahinter.
Aber die Betonung liegt dabei auf vielleicht.

Immer wieder werden auch prominente Legastheniker erwähnt.

Berühmte Legastheniker: Albert Einstein

Da reicht die Liste von Albert Einstein über amerikanische Präsidenten und Filmschauspieler bis hin zu Politikern und hochrangigen Wissenschaftlern.

Wozu sind solche Erwähnungen gut?
Welchen Zweck haben die?

Wird das Problem kleiner, wenn ich weiß, dass andere - „berühmte“ Menschen - es auch haben?
Kann ich deshalb besser schreiben?

Mir fällt aber noch eine ganz andere Frage ein:
Woher wissen wir z.B. bei Albert Einstein, dass das wirklich zutraf?

So richtig wissen… weiß es niemand.
Vermuten kann man.

Das gilt übrigens auch für Leonardo da Vinci.

Ein begnadeter Künstler, Wissenschaftler und Techniker seiner Zeit.
Offenbar mit weniger Begabung für das Schreiben.
Daher auch bei ihm die Vermutung, dass er eine Lese-Rechtschreibschwäche haben könnte...

Aber wissen wir, ob's stimmt?

Bild: Leonardo da Vinci

Vielleicht waren diese Menschen Legastheniker.

Bei dieser Betrachtung dürfen wir aber einen ganz entscheidenden Punkt nicht außer Acht lassen:
Es bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass in jedem Legastheniker ein kleiner Einstein verborgen ist. Oder ein da Vinci.

Und Präsident kann man werden.
Dafür ist eine Legasthenie aber keine Einstellungs-Voraussetzung.


Ich selber habe Menschen kennen lernen dürfen, die offen mit ihrer Problematik umgehen.

Einer dieser Menschen ist Vorstandsmitglied eines deutschen Großunternehmens. Dieser liebe Mensch möchte hier keinesfalls namentlich erwähnt werden.

Nach einem recht langen Gespräch fragte ich ihn:
„Sagen Sie: Wenn Sie dieses Problem schon seit der Schulzeit kennen, wie haben Sie dann ein derartig erfolgreiches Berufsleben absolvieren können?“

„Ich habe darüber gerade auch nachgedacht. Ich habe wohl mein ganzes Leben lang immer jemanden gehabt, der für mich geschrieben hat. Im Studium habe ich viel recherchiert, aber geschrieben haben meine Kommilitonen. Ja, und heute arbeiten drei Sekretärinnen für mich.“


Jürgen Fliege - bekannt aus Funk und Fernsehen - steht ganz offen zu seiner Legasthenie. Darüber hat er früher sogar Sendungen gemacht.

„Ich glaube, ich habe mich immer auf’s Reden konzentriert. Schon während des Studiums habe ich den deutschen Kirchentag moderiert … also geredet.“

Diese Fähigkeit als Moderator hat ihn viele Jahre das deutsche Fernsehen beleben lassen. Außerdem hat er etliche Bücher veröffentlicht. „Um Bücher zu veröffentlichen muss ich nicht schreiben können. Texte diktieren reicht aus. Das aufschreiben erledigen andere im Verlag. Und Korrektur lesen sowieso.“


Dann kommen wir jetzt zu einer letzten Frage:

Wofür brauchen wir den Begriff Legasthenie überhaupt?

Wobei soll er helfen?

Und warum?


Wollen wir damit auch einordnen?

Klassifizieren?

Schublade auf - Schublade zu?

Oder geht es darum betroffenen Menschen zu helfen?

Das wäre zumindest ein interessanter Ansatz.


Allerdings brauchen wir dazu keine Bezeichnung.

Mir zumindest war es immer völlig gleichgültig, ob Kinder mit einer diagnostizierten Legasthenie oder einer Lese-Rechtschreibschwäche zu mir kamen.
Total egal.

Die Kinder haben das Lesen und Schreiben
nicht ganz so einfach erlernen können,
wie viele andere.

Das reichte mir immer als Beschreibung aus.

Und es trifft auf Legastheniker genauso zu wie auf Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche. 

Gefällt? Teilen!

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?